{"id":53,"date":"2015-02-01T14:18:43","date_gmt":"2015-02-01T14:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/?page_id=53"},"modified":"2015-02-22T17:07:39","modified_gmt":"2015-02-22T17:07:39","slug":"2008-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/?page_id=53","title":{"rendered":"2008"},"content":{"rendered":"<h3>Jahrestagung 2008 des Vereins f\u00fcr Sozialgeschichte der Medizin \u2013 Geschichte(n) von Gesundheit und Krankheit<\/h3>\n<a name=top href=#anfang><\/a>\n<p><a name=anfang href=#programm>Programm<\/a><br \/>\n<a name=anfang href=#tagungsbericht>Tagungsbericht<\/a><\/p>\n<a name=programm href=#anfang><\/a>\n<h3>Programm<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/2008FlyerJahrestagung.pdf\">2008FlyerJahrestagung<\/a><br \/>\n<a name=anfang href=#top>zum Anfang<\/a><\/p>\n<a name=tagungsbericht href=#anfang><\/a>\n<h3>Tagungsbericht<\/h3>\n<div>von<\/div>\n<div>\n<p><strong>Patrick Lamprecht<\/strong>, <strong>Elena Taddei<\/strong>, <strong>Alois Unterkircher<\/strong>, Institut f\u00fcr Geschichte und Ethnologie (Universit\u00e4t Innsbruck)<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren bem\u00fcht sich der \u201eVerein f\u00fcr Sozialgeschichte der Medizin\u201c mit Sitz in Wien, jungen Wissenschaftler\/innen, die zu Themen aus dem Bereich der Medizingeschichte \u00d6sterreichs bzw. mit \u00d6sterreich-Bezug arbeiten, durch eine regelm\u00e4\u00dfig stattfindende Tagung eine Plattform f\u00fcr ihre aktuellen Forschungen zu bieten. Im Juli 2008 fanden nun diese \u201eGeschichte(n) von Gesundheit und Krankheit\u201c zum dritten Male und erstmals in Innsbruck statt. An der dortigen Philosophisch-Historischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t ist innerhalb des interdisziplin\u00e4ren Forschungsschwerpunktes \u201eSchnittstelle Kultur: Kulturelles Erbe \u2013 Kunst \u2013 Wissenschaft \u2013 \u00d6ffentlichkeit\u201c im Jahre 2007 der Arbeitsbereich \u201eMedikale Kulturen\u201c eingerichtet worden, der sich aus historischer wie kulturwissenschaftlicher Perspektive mit dem Forschungsfeld historischer und aktueller gesundheits- und krankheitsbezogener Vorstellungen und Handlungen verschiedener sozialer Gruppen sowie mit historischen Institutionen der \u201eF\u00fcrsorge\u201c und \u201eBehandlung\u201c befasst und deren Mitglieder diese Tagung mit organisiert haben.<\/p>\n<div class=\"hfn-item-fulltext\"><\/div>\n<div class=\"hfn-item-fulltext\">MICHAELA RALSER (Innsbruck) er\u00f6ffnete mit ihrem Vortrag \u201eVom eigent\u00fcmlichen Schmerz im linken Bein zu den Nerven in gro\u00dfer Aufruhr\u201c die Tagung mit einer Analyse des Wandels der klinischen Psychiatrie um 1900 am Beispiel der Universit\u00e4tsklinik Innsbruck. Die Referentin hielt fest, dass im 19. Jahrhundert in fast allen L\u00e4ndern Europas eine neue Auffassung von psychischer Krankheit und eine schrittweise Medikalisierung sowie eine damit verbundene Spezialisierung in der Psychiatrie erfolgten. Die an der Innsbrucker Universit\u00e4tsklinik 1891 gegr\u00fcndete \u201eAbteilung f\u00fcr Nervenkranke\u201c, deren Ziel weniger die Versorgung \u201eGeisteskranker\u201c als vielmehr die wissenschaftliche Forschung basierend auf der somatischen und empirischen Naturwissenschaft war, legte ihren Schwerpunkt auf die \u201cprogrammatische Cerebralisierung&#8220;: Dabei wurden Eugenik und Genealogie f\u00fcr die Ursachenforschung zunehmend relevant, der Aufbau eines didaktischen Apparats als erstrangiges Ziel ausgeschrieben. Die Patient\/innen, so Ralser, wurden somit zum Objekt der wissenschaftlichen Forschung \u2013 ohne R\u00fccksichtnahme auf die Pathologie. ANDREJ STUDEN (Ljubljana) beschrieb in seinem Vortrag den Umgang mit dem Ph\u00e4nomen \u201eAlkoholismus\u201c innerhalb der slowenischen Psychiatrie. Beg\u00fcnstigt durch die verbilligte Herstellung des Branntweines avancierte \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Alkoholkonsum, der bereits im Vorm\u00e4rz als \u201et\u00e4gliche Gewohnheit\u201c wahrgenommen wurde, im Verlauf des 19. Jahrhunderts f\u00fcr die Vertreter der Psychiatrie zur \u201eDroge par excellence\u201c. In medizinischen Texten und Enzyklop\u00e4dien erfuhr der Alkoholiker ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Charakterisierung, indem er als krank und degeneriert bezeichnet sowie als Gefahr f\u00fcr Familie und Gesellschaft dargestellt wurde. \u00c4rzte und Psychiater f\u00fchrten neben katholischen Predigern und deren \u201eMoralschriften\u201c einen programmatischen Kampf gegen den Alkoholkonsum in Slowenien. Der Psychiater B\u00e9n\u00e9dict Augustin Morel etwa ver\u00f6ffentlichte 1857 die Theorie der progressiven Degeneration, die zusammen mit den Schriften des in Graz wirkenden Psychiaters Richard von Krafft-Ebing auch in Slowenien eine gro\u00dfe Anzahl an Anh\u00e4ngern fand. Der Referent stellte mit dem Arzt Dr. Fran G\u00f6stl und dem Psychiater Dr. Ivan Robida zwei slowenische Vertreter jener Denkrichtung, nach der Alkoholkonsum unterschiedliche Formen des Wahnsinns verursachen w\u00fcrde und somit auch gesundheitssch\u00e4dliche Folgen f\u00fcr die Nachkommen haben k\u00f6nnte, ausf\u00fchrlicher vor.<\/div>\n<div class=\"hfn-item-fulltext\">\n<p>Im zweiten Panel konzentrierten sich die Vortr\u00e4ge auf die NS-Euthanasie in \u00d6sterreich. WOLFGANG WEBERs (Bregenz) Beitrag \u201eVon T\u00e4tern und Opfern der NS-Euthanasie im Bregenzerwald\u201c strich die starke Zustimmung des Gesundheitspersonals f\u00fcr spezifische Str\u00f6mungen innerhalb der NS-Medizin, die Parteibindung des medizinischen Personals und folglich den marginalen Widerstands im Vorarlberg der NS-Zeit hervor. Webers Nachforschungen ergaben, dass von den 137 im Jahre 1946 in Vorarlberg zugelassenen \u00c4rzten 67 ehemalige Parteimitglieder der NSDAP gewesen waren. Von den zehn Gemeinde\u00e4rzten im Bregenzerwald waren neun NSDAP-Mitglieder, bei den Hebammen zwei (von 22). An der Person Dr. Bruno Rhombergs, Primar im st\u00e4dtischen Krankenhaus von Dornbirn, f\u00fchrte Weber die Zusammenarbeit der \u00c4rzte mit dem NS-Regime am regionalen Beispiel des Bregenzerwaldes vor: Rhomberg hatte bei Zwangsarbeiterinnen und Menschen mit k\u00f6rperlichen Behinderungen Zwangsabtreibungen durchgef\u00fchrt; medizinische erw\u00fcnschte Eingriffe des NS-\u201eEuthanasie-Programms\u201c also, die nicht nur durch die bestehende Gesetzeslage im straffreien Raum angesiedelt waren, sondern an denen sich laut Weber neben Spital\u00e4rzten auch Hebammen und Gemeinde\u00e4rzte beteiligt hatten.<\/p>\n<p>OLIVER SEIFERT (Innsbruck\/Hall) referierte \u00fcber die \u201eNS-Kinder-Euthanasie\u201c in Tirol. Nach Seiferts Einsch\u00e4tzung beschr\u00e4nkt sich die bisherige wissenschaftliche Aufarbeitung haupts\u00e4chlich auf die Zeit der \u201eT4 Aktion\u201c, was nicht zuletzt an der schwierigen Quellensituation zur \u201eKindereuthanasie\u201c liege. Untersuchungen zu diesem Thema m\u00fcssten sich haupts\u00e4chlich auf Gerichtsakten st\u00fctzen, in denen Kinder jedoch nicht erfasst wurden. Die M\u00fchen einer solchen Spurensuche wurden am dargestellten Fall der behinderten Tochter des Schwazer Kreisleiters besonders deutlich: Zu diesem \u201eAkt\u201c sind keine formalen Datenbl\u00e4tter erhalten, das Kind wurde auch nicht im Aufnahmebuch der Anstalt Niedernhart verzeichnet und lediglich der Fund des Sterbescheines gibt Auskunft \u00fcber das Schicksal des M\u00e4dchens. Dabei warf der Referent viele Fragen auf: Warum das M\u00e4dchen etwa nicht vor der \u201eEuthanasie\u201c gesch\u00fctzt wurde und wie ein NSDAP-Funktion\u00e4r mit einem Kind \u201emit Behinderungen\u201c umging. BARBARA HOFFMANN (Innsbruck) besch\u00e4ftigte sich mit der Situation der \u201eBlinden Menschen in \u00d6sterreich zwischen 1938 und 1945\u201c. W\u00e4hrend der NS-Zeit wurden blinde Menschen in die drei Klassen der Kriegsblinden, Zivilblinden und der J\u00fcdischen Blinde eingeteilt. Wie die Referentin ausf\u00fchrt, kam unter Juden Blindheit statistisch betrachtet h\u00e4ufiger vor, was dem NS-Regime die \u201eErfindung\u201c des Krankheitsbildes der \u201eJ\u00fcdischen Augenkrankheit\u201c erleichterte. Diese wurde gleichgesetzt mit Kurzsichtigkeit, Grauem Star und hysterischer Amaurose und fand bereits 1935 Eingang in den \u201eNegativkatalog\u201c. Ab 1938 wurden sowohl j\u00fcdische Zivil- als auch Kriegsblinde verfolgt, umgesiedelt, enteignet, sterilisiert, vertrieben oder get\u00f6tet. Als wichtigste Einrichtung unterst\u00fctzte das Blindeninstitut \u201eHohe Warte\u201c in Wien j\u00fcdische Betroffene in ihrem allt\u00e4glichen Leben. Diese 1872 gegr\u00fcndete Institution war die einzige \u201eErziehungs- und Ausbildungsanstalt\u201c f\u00fcr Blinde in Europa, sie wurde jedoch 1942 ger\u00e4umt und deren Insassen nach Theresienstadt gebracht, wo sie den Tod fanden, insofern sie nicht durch die \u201eBritish Jewish Blind Society\u201c gerettet werden konnten.<\/p>\n<p>Im Vortrag \u201eDer Teufel in Graz\u201c berichteten CARLOS WATZKA (Graz) und GERHARD AMMERER (Salzburg) von drei historischen \u201eExorzismusf\u00e4llen\u201c in Graz. Ammerer konzentrierte sich in seinem Teil auf die allgemeine Geschichte des Exorzismus und stellte einen bisher noch wenig erforschten Text aus dem Jahr 1600\/1601 n\u00e4her vor: Dessen Autor Paulus Knor von Rosenrodt, Hofkaplan des Erzherzogs Ferdinand, beschrieb auf 399 Seiten drei Exorzismusf\u00e4lle in Graz. Motive und Erz\u00e4hlmethode entspr\u00e4chen laut Referent in den Schilderungen von fehlerhaften Taufen, heimt\u00fcckischen D\u00e4monen, dem Eingehen eines Teufelspaktes, von Besessenheit in Form von Aufbl\u00e4hungen und Konvulsionen oder von Ausscheidung von Fremdk\u00f6rpern dem \u201eZeitgeist\u201c. Carlos Watzka stellte am Beispiel des Exorzismus der Maria Eichhorn deren beschriebene Besessenheits-Ph\u00e4nomene in einen medizinhistorischen Kontext. Besagte Eichhorn lag zeitweise starr und regungslos im Bett und konnte nicht sprechen, andere Male war sie hyperaktiv und aufgew\u00fchlt \u2013 Krankheitszeichen, die man in modernen medizinischen Begrifflichkeiten gesprochen als \u201ekatatonisch-schizophren\u201c bezeichnen w\u00fcrde. Kurios erscheint in diesem Fall vor allem die Schilderung, dass nicht die \u201eBesessene\u201c Halluzinationen hatte, sondern die Exorzisten, die \u201e1.000 D\u00e4monen im Zimmer\u201c sahen. MARIA HEIDEGGER (Innsbruck) sprach in ihrem Vortrag \u00fcber die religi\u00f6se Seelsorge in der \u201eIrrenheilanstalt\u201c von Hall in Tirol in den Jahren 1830 bis 1850. Religi\u00f6ser Wahn oder Melancholie war bei der Landbev\u00f6lkerung die h\u00e4ufigste Ausformung einer psychiatrischen Erkrankung. Heidegger fokussierte die Untersuchung auf drei Schwerpunkte: die Handlungsm\u00f6glichkeiten der Kapl\u00e4ne, die religi\u00f6sen Aspekte in der Anstalt sowie der Zusammenhang zwischen religi\u00f6sem Wahn und Psychiatrie. Die geistliche Seelsorge h\u00e4tte eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle innerhalb des Alltags in dieser Anstalt gespielt, so Heidegger. In den Statuten war der Aufgabenbereich des dem Direktor untergeordneten Kaplans genau definiert: Sein T\u00e4tigkeitsbereich in Hall war auf \u201eIrre\u201c beschr\u00e4nkt, er hielt Messen ab, unterrichtete in deutscher und italienischer Sprache und war zust\u00e4ndig f\u00fcr religi\u00f6se Praktiken. Der Geistliche sollte bei der Heilung der PatientInnen mitwirken und diese f\u00f6rdern, die Verwandten informieren, sich jedoch nicht in medizinische und therapeutische Praktiken einmischen. Die Referentin arbeitete insbesondere die Biographien der zwei Kapl\u00e4ne Raffeiner und Ruf, die im Zeitraum zwischen 1830 und 1850 in Hall wirkten, pr\u00e4zise heraus und stellte die beiden Akteure in den Kontext der allgemeinen Entwicklung der Anstalt in der Phase des Vorm\u00e4rz.<\/p>\n<p>ELISABETH LOBENWEIN (Lienz) konzentrierte sich in ihrem Vortrag \u00fcber das Mirakelbuch B von Maria Luggau in K\u00e4rnten (1740-1800) auf den Zusammenhang zwischen Medizin und Wunder und ging auf das f\u00fcr diesen Wallfahrtsort charakteristische \u201eAnliegen\u201c des Taufwunders genauer ein. Der Tod ohne Taufe repr\u00e4sentierte f\u00fcr das Neugeborene den Eintritt in den \u201eKindergarten der H\u00f6lle\u201c, das Kind durfte nicht auf einen Friedhof begraben werden. Die im Buch enthaltenen 660 Berichte von der Heilung k\u00f6rperlicher und seelischer Gebrechen, darunter eben auch 19 Taufwunder, entstanden in der Bl\u00fctezeit der Wallfahrt. Weiters befinden sich im Mirakelbuch Berichte von F\u00e4llen psychiatrischer Erkrankungen, die mit Geistern und D\u00e4monen in Verbindung gebracht wurden. Obwohl die Berichte wenig Auskunft \u00fcber den gesundheitlichen Zustand der Bev\u00f6lkerung geben, kann darin der Umgang mit Geisteskrankheiten nachgezeichnet werden, etwa wenn \u201epsychisch kranke\u201c Menschen angekettet oder eingesperrt wurden. Hilfesuchende, die oft keine Unterst\u00fctzung bei \u00c4rzten und Heilpersonen fanden, suchten ihr Heil in einer Wallfahrt und in der Anrufung Mariens. MARINA HILBER (Innsbruck) berichtete \u00fcber die ab 1830 sich etablierende Geburtshilfe am medizinisch-chirurgischen Lyzeum in Innsbruck. Ihrer Analyse liegen dabei jene \u201eGeburtsberichte\u201c als Quellen zugrunde, die Wund\u00e4rzte, Geburtshelfer und Hebammen im Zuge ihrer praktischen Ausbildung in den Kreiszimmern verfassen mussten. Da zu dieser Zeit noch keine eigentliche geburtsklinische Abteilung existierte, sei, so Hilber, bei den Einrichtungen zwischen Spital und ambulanter Versorgung unterschieden worden. Im Spital brachten vor allem ledige und j\u00fcngere Frauen ihre Kinder zur Welt, wohingegen verheiratete Frauen meist ambulant versorgt wurden. Als theoretische Grundlage diente den \u00c4rzten das \u201eHandbuch der Geburtshilfe\u201c (1818) von J. H. Ludwig Friedrich von Froriep. Froriep verschrieb sich der nat\u00fcrlichen Geburtshilfe, Instrumente sollten nur in Notsituationen zum Einsatz kommen. Bei Spitalgeburten waren neben den \u00c4rzten auch Auszubildende anwesend. Abschlie\u00dfend betonte die Referentin die Wichtigkeit einer kritischen Lesung dieses Quellentyps: So werde in den Berichten nicht auf den Zustand der Frau nach der Geburt, die Dauer des Wochenbettes, die S\u00e4uglingspflege, oder auf das Stillverhalten eingegangen. Die Quellen w\u00fcrde auch keine Berechnung der Sterblichkeit erlauben. In der Diskussion wurde deutlich, dass ein Vergleich zwischen dem Findelhaus und der Geb\u00e4rklinik \u201eAlle Laste\u201c in Trient notwendig w\u00e4re, wo aufgrund der h\u00e4ufigen Rachitis-Erkrankungen viele Frauen an einer Beckenverengung litten und somit vermehrt Instrumente zur Verwendung kamen.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge des zweiten Veranstaltungstages konzentrierten sich auf Fragen der Gesundheitsdiskurse bzw. Gesundheitserziehung, auf Eugenikdiskurse und auf das Thema \u201eWissen und Tod\u201c. CORNELIA BOGEN (Halle) erl\u00e4uterte am Beispiel der \u00c4rzte und Publizisten Frank, van Swieten und Moritz die Reform des \u00f6sterreichischen Gesundheitswesens im 18. Jahrhundert. Der Leibarzt Maria Theresiens, Gerard van Swieten, setzte Vorschl\u00e4ge der Kaiserin um und vermochte es, den medizinischen Unterricht zu reformieren. Die Lehre erfolgte nun direkt am Krankenbett \u2013 Beobachtung und Empirie standen im Mittelpunkt. Dies sollte einerseits der \u00e4rztlichen Praxis und andererseits dem Wohl der Patient\/innen dienen. Johann Peter Frank \u00fcbernahm als Direktor die Leitung des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Generelles Ziel, so Bogen sei die Reformierung des staatlichen Gesundheitswesens auf der Grundlage (natur-)wissenschaftlicher Methoden gewesen. Die Medizin wurde somit zur Angelegenheit des Staates. Unter Karl Philipp Moritz entstand das \u201eGnothi Seauton\u201c, ein Magazin zur Erfahrungsseelenkunde und gesundheitlichen Aufkl\u00e4rung des B\u00fcrgertums. Wichtige Ziele der drei Aufkl\u00e4rer waren die Bek\u00e4mpfung des \u201eAberglaubens\u201c, der Einzug der \u201eVernunft\u201c und die Anwendung von medialen Strategien zur Verbesserung der medizinischen Situation. Popul\u00e4rwissenschaftliche Zeitschriften und B\u00fccher sollten zur Aufkl\u00e4rung beitragen und gef\u00e4hrliche medizinische Praktiken anzeigen. Vor allem Frank richtete sich gegen den \u201egef\u00e4hrlichen Aberglauben\u201c und den Vampirismus, prangerte \u00c4rzte und Betr\u00fcger an, forderte die \u00dcberpr\u00fcfung medizinischer Praktiken und eine \u201emedizinische Policey\u201c. \u00dcber \u201eSokratische Erz\u00e4hlungen und andere Medien der Gesundheitserziehung um 1800\u201c in der Steiermark ging es im Vortrag von ANDREAS GOLOB (Graz). W\u00e4hrend der Aufkl\u00e4rung besch\u00e4ftigten sich B\u00fccher, Zeitschriften und Theaterst\u00fccke ausf\u00fchrlich mit Aspekten der Gesundheitserziehung. Als Vorbild diente die Reformierung des deutschen Schulwesens in B\u00f6hmen unter Ignaz Richard Wilfing sowie die neue Entwicklung in Salzburg durch Franz Michael Vierthaler. Schwerpunkte wie Gesundheits- und K\u00f6rpererziehung als Teil der Naturlehre standen im Mittelpunkt der Schulerziehung. In der Steiermark konnten in den 1790ern insbesondere drei Vermittlungsmethoden ausgemacht werden: der Katechismus, die Sokratischen Erz\u00e4hlungen und gezielt ausgew\u00e4hlte Schreib\u00fcbungen, alle drei mit dem Ziel der \u201ekindergerechten\u201c Vermittlung von gesundheitlichem Wissen.<\/p>\n<p>PETER F.N. H\u00d6RZ (T\u00fcbingen) widmete sich in seinem Beitrag dem wenig beleuchteten Thema der Zirkumzision. Obwohl die Beschneidung in den westlichen Gesellschaften sehr h\u00e4ufig vorgenommen wird, wurde die medizinisch-therapeutisch begr\u00fcndete Operation in der Forschung bislang wenig beachtet. Mit der Begr\u00fcndung der modernen Schulmedizin im 19. Jahrhundert wurden die ersten Eingriffe durchgef\u00fchrt, ebenso lange werden Vorhautmanipulationen in der Medizin bereits kritisch diskutiert. Im Laufe des 19. Jahrhunderts h\u00e4tten die Bef\u00fcrworter darin einen notwendigen Eingriff zur Pr\u00e4vention von \u201eKrankheiten\u201c wie Syphilis, Phimose und in sp\u00e4terer Folge von Bettn\u00e4ssen und Masturbation gesehen. Der amerikanischen Arzt Peter Charles Remondino sah in der Beschneidung ein Heilmittel vor allem gegen sexuell \u00fcbertragbare Krankheiten, sexuelle \u201eVerirrungen\u201c und au\u00dferdem gegen\u00fcber \u201ethe negro rape problem\u201c, das die Debatten \u00fcber eine angeblich h\u00f6here Vergewaltigungsbereitschaft afroamerikanischer M\u00e4nner bestimmte. Die Propaganda war in den USA derma\u00dfen erfolgreich, dass der Eingriff zur Prophylaxe bei S\u00e4uglingen routinem\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrt und zum Teil in der Gesundheitspolitik aufgenommen wurde. Die Kritik der Gegner, vor allem seit den 1990er-Jahren, sowie normativ-politische Ma\u00dfnahmen tragen noch heute dazu bei, dass die Zirkumzision in Europa nie zu einem Massenph\u00e4nomen wurde (in \u00d6sterreich sind 14 Prozent der Knaben beschnitten). H\u00f6rz ging in der Diskussion auf die Frage des unterschiedlichen Gebrauchs der Begriffe Beschneidung (religi\u00f6s) und Zirkumzision (medizinisch) ein.<\/p>\n<p>Eine \u201eklassische\u201c Arztbiographie pr\u00e4sentierte ALFRED STEFAN WEISS (Salzburg) in der Nachmittagssektion mit seinem Vortrag \u00fcber den Mediziner Dr. Johann Hartenkeil (1761-1808), der nach Abschluss des Studiums im Jahr 1787 durch Empfehlung seines Lehrers Dr. Caspar von Siebold als \u2013 schlecht bezahlter \u2013 Leibchirurg des Salzburgers F\u00fcrsterzbischofs Hieronymus Graf Colloredo nach Salzburg kam. Hartenkeil verbrachte hier seine \u201eFreizeit\u201c mit der Ausbildung von Wund\u00e4rzten, Hebammen und Geburtshelfern und unternahm 1787 den Versuch, die chirurgische von der medizinischen Abteilung im st\u00e4dtischen Krankenhaus zu trennen \u2013 ein Unterfangen, das zun\u00e4chst am Protest der alteingesessenen \u00c4rzte scheiterte. Im Jahr 1789 initiierte Hartenkeil gemeinsam mit seinem Kollegen Franz Xaver Mezler die Herausgabe der medizinischen Zeitschrift \u201eMedicinisch-chirurgische Zeitung\u201c mit dem dezidierten Ziel, medizinisches Fachwissen m\u00f6glichst \u201evorurteilsfrei\u201c zu verbreiten. Nach der Jahrhundertwende gelang ihm die Einrichtung einer medizinischen Fakult\u00e4t an der Universit\u00e4t Salzburg, die jedoch bereits 1807 wieder aufgel\u00f6st wurde. 1806 wurde Hartenkeil Direktor des chirurgischen Studiums und Protomedikus f\u00fcr Salzburg. CASIMIRA GRANDIs (Trento) Vortrag \u201eIl suicidio nel Trentino asburgico\u201c behandelte das Thema Selbstmord in Trient von 1816 bis 1918. Im 19. Jahrhundert wurden zum ersten Mal Sterbestatistiken gef\u00fchrt, die jedoch eine problematische Quelle darstellen, da der Tod durch Selbstmord gerade in Bezug mit der geistigen Verwirrung durch die in den Totenscheinen eingetragene Sterbeursache \u201ePellagra\u201c oft \u201evertuscht\u201c wurde. Die Krankheit Pellagra (Erkrankung, die durch Mangel an Vitamin B3 ausgel\u00f6st wird und zu Sch\u00e4digungen des Gehirns f\u00fchrt) sorgte in dieser Zeit im Raum des heutigen Trentino f\u00fcr Verarmung und starke Abwanderung, die zusammen mit den irredentistischen Bestrebungen die damalige Bev\u00f6lkerung des Trentino nachhaltig pr\u00e4gten. F\u00fcr Grandi h\u00e4tten Pellagra und Alkoholismus daher die \u201eT\u00fcren der Irrenh\u00e4user\u201c ge\u00f6ffnet, indem eine \u201eL\u00f6sung\u201c der Probleme an die \u201eIrrenanstalten\u201c delegiert wurde. Wahnsinn und Armut waren somit stark miteinander verbunden. MARTIN G\u00d6GELE (Bozen) stellte im Rahmen seiner MIKROS-Studie die \u201eAlterspezifischen Todesursachen im alpinen Raum am Beispiel dreier Gemeinden des Vinschgaus\u201c vor. Ziel der MIKROS-Studie ist es, die genetischen und umweltbedingten Krankheiten in Mikroisolaten \u00fcber mehrere Generationen zu erforschen. Neben der Auswertung der Kirchenb\u00fccher wurde die DNA von 1.200 Probanden aus den drei S\u00fcdtiroler Gemeinden Langtaufers, Stilfs und Martell labortechnisch untersucht. Zur Bestimmung der Krankheiten oder Todesursachen wurden die Sterberegister der Kirchenb\u00fccher herangezogen. Neben der Erstellung von Sterbetafeln und des Mortalit\u00e4tsrisikos sollten die Todesursachenkategorien nach Alterskategorien differenziert ermittelt werden. Das Projekt soll neue Erkenntnisse \u00fcber die epidemiologische Entwicklung im alpinen Raum bringen. Bei der Diskussion wurden die ethische Brisanz des Themas und der angedeutete Selbstzweck der Studie kritisch hinterfragt.<\/p>\n<p>Die Konferenz wurde mit dem Vortrag von JANEZ POLAJNAR (Ljubljana) \u201eEugenics and its efforts to adopt Sterilization Act in Slovenia\u201c abgeschlossen. Der Referent gab den Zuh\u00f6rerInnen Einblick in die allgemeine Entwicklungsgeschichte der Eugenik, ehe er n\u00e4her auf deren Rezeption in Slowenien zu Beginn des 20. Jahrhunderts einging. Als einen wichtigen Verfechter der Eugenik nannte er den Anthropologen Dr. Bo\u017eo \u0160kerlj vom Institut f\u00fcr Hygiene in Ljubljana, dem er als seinen gr\u00f6\u00dften \u201eErfolg\u201c die Verabschiedung des \u201eSterilization Act\u201c zusprach. Polajnar betonte in seinen Ausf\u00fchrungen, dass dem Begriff \u201eEugenik\u201c sp\u00e4testens seit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und dessen Rassengesetzen eindeutig eine starke negative Note anhaftete. \u0160kerlj jedoch wehrte sich gegen die zunehmend missbilligende Konnotation dieser Wissenschaft und unterstrich die urspr\u00fcngliche Bedeutung des Begriffs, die dieser bei seinem \u201eErfinder\u201c Francis Galton hatte. Eugeniker, so f\u00fchrte Polajnar weiter aus, h\u00e4tten die Missachtung der menschlichen W\u00fcrde bewusst in Kauf genommen, um zu garantieren, dass die Gesellschaft letztendlich nur aus \u201ehochwertigen\u201c Individuen best\u00fcnde.<\/p>\n<p>Sowohl die Vielfalt der vorgestellten Projekte als auch die rege Teilnahme an der Veranstaltung zeigte, dass die in den sp\u00e4ten 1970er-Jahren begonnene Erweiterung des Fachs Medizingeschichte durch Methoden und Fragestellungen aus der Sozialgeschichte, den Kulturwissenschaften sowie der Zeitgeschichte auch in der \u00f6sterreichischen Medizingeschichtsschreibung \u201eangekommen\u201c ist. Zu dieser Neuorientierung der traditionellen Medizingeschichte in \u00d6sterreich haben nicht zuletzt die zahlreichen medizinhistorischen Diplomarbeiten, Dissertationen und universit\u00e4ren Forschungsprojekte, \u00fcber die auf dieser Tagung vielfach referiert wurde, beigetragen. In diesem Sinne darf die Fortsetzung dieser Reihe, wof\u00fcr als n\u00e4chste \u201eStation\u201c 2009 Vorarlberg angedacht wurde, mit Spannung erwartet werden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"hfn-item-citation\">\n<p>Zitation<\/p>\n<div>Tagungsbericht: Geschichte(n) von Gesundheit und Krankheit, 03.07.2008 \u2013 04.07.2008 Innsbruck, in: H-Soz-Kult, 26.09.2008, <a href=\"http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-2268\"> &lt;http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-2268&gt;<\/a>.<\/div>\n<\/div>\n<a name=anfang href=#top>zum Anfang<\/a>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrestagung 2008 des Vereins f\u00fcr Sozialgeschichte der Medizin \u2013 Geschichte(n) von Gesundheit und Krankheit Programm 2008FlyerJahrestagung Tagungsbericht von Patrick Lamprecht, Elena Taddei, Alois Unterkircher, Institut f\u00fcr Geschichte und Ethnologie (Universit\u00e4t Innsbruck) Seit einigen Jahren bem\u00fcht sich der \u201eVerein f\u00fcr Sozialgeschichte der Medizin\u201c mit Sitz in Wien, jungen Wissenschaftler\/innen, die zu Themen aus dem Bereich der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/?page_id=53\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">2008<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":8,"menu_order":107,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-53","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/53"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=53"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/53\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":611,"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/53\/revisions\/611"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sozialgeschichte-medizin.org\/wp_verein\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=53"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}